01/05/2025
„Berufslehre mit 70? Warum nicht!“
Oder: Wie ich lernte, den Laptop zu lieben und den Fachkräftemangel zu feiern
Neulich, irgendwo zwischen dem ersten Espresso und dem dritten Sudoku des Tages, schlich sich eine waghalsige Idee in mein Seniorengehirn: Sollte ich – mit knapp 70 – noch eine Lehre als Informatiker anfangen?
Kurz darauf googelte ich „Berufslehre im Alter“ und wurde direkt von einem Pop-up begrüßt: „Akzeptieren Sie alle Cookies?“ – Ja klar, ich akzeptiere ja sogar meine Falten, warum nicht auch Kekse?
Rentner sein kann jeder
Ich weiß, was du jetzt denkst: Mit fast 70 sollte man doch langsam mal ans Ausruhen denken. Aber ehrlich gesagt: Ich habe gar keine Lust auf Ruhestand.
Ich will keine Kreuzfahrten, keine Orchideenzucht, und wenn ich noch einmal „Sie sehen aber fit aus für Ihr Alter!“ höre, programmiere ich mir selbst ein digitales Gegenkompliment.
Denn ja: Ich bin fit. Ich bin neugierig. Und ich bin voller Tatendrang.
Ich habe Zeit – und das in einem Land, in dem händeringend nach Fachkräften gesucht wird. Besonders in der IT. Einmal nicht hingeschaut, und die halbe Generation Z ist schon wieder im Sabbatical. Da braucht’s doch jemanden, der bleibt – und noch ein paar graue Zellen mit Erfahrung mitbringt.
Informatiker mit Erfahrung (im Leben)
Natürlich bin ich kein Digital Native.
Meine erste Datei war ein Karteikärtchen.
Meine erste Cloud war eine Wettererscheinung.
Und ein „Bug“ war damals noch ein Käfer, den man mit der Fernsehzeitung erschlagen hat.
Aber: Ich lerne schnell.
Ich bin pünktlich, lösungsorientiert – und ich habe ein Leben lang gelernt, wie man Menschen, Prozesse und Krisen managt.
Fehlt mir der neueste JavaScript-Befehl? Vielleicht. Aber was ich nicht weiß, kann ich googeln. Und was ich weiß, kann kein Chatbot ersetzen.
Die Lehre meines Lebens?
Natürlich würde ich mir bei der Berufsschule anfangs etwas komisch vorkommen.
Wenn der Lehrer fragt, ob ich die Elternabende wahrnehmen kann, muss ich wohl sagen: „Ich bin eher Generation Grossvater.“
Aber stellen wir uns das doch mal vor:
Ein Senior inmitten von Lernenden.
Ich bringe Lebensweisheit, sie bringen WLAN.
Ich mache Notizen mit Füller, sie mit Tablets.
Ich zeige ihnen den Unterschied zwischen Geduld und Prozessorleistung – sie mir den Unterschied zwischen Snapchat und Stack Overflow.
Fazit: Warum eigentlich nicht?
Was spricht dagegen? Ein bisschen Mut, ein bisschen Selbstironie und eine stabile Brille (rein optisch, nicht systemtechnisch).
Die Zukunft gehört denen, die sie gestalten – und das Alter ist keine Ausrede, sondern ein Argument.
Wenn schon Fachkräftemangel, dann bitte mit Stil, Erfahrung und einem Lächeln.
Ich bin bereit. Für den Code. Für den Kaffee. Und für die Kollegen, die meine Kinder sein könnten.
Also: Informatiklehre mit 70? Challenge accepted.