In der Beratung und Begleitung von Autistenrch die Arbeitswelt wird immer wieder deutlich, wie wichtig das Verstehen von Autismus auf Arbeitgeberseite ist. Letztendlich ist es nämlich die Unkenntnis, sind es die fehlenden Informationen, die die (berufliche) Integration von Autisten erschweren. Ich habe dies selbst erfahren, ja, dieser Umstand war gewissermaßen der Grundstein für meinen beruflichen
Werdegang. Im Rahmen eines Schulpraktikums arbeitete ich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und lernte einen jungen Mann kennen, der die Diagnose „Frühkindlicher Autismus/Kanner-Syndrom“ bekommen hatte. Meine Anleiter erklärten mir, er sei taub und stumm und er lebe in seiner eigenen Welt. Bereits in dem kurzen Zeitraum der drei Praktikumswochen interpretierte ich sein Verhalten völlig konträr: Wenn eine Tür aufging, schaute er hin, er reagierte auf verschiedene auditive Reize, gab in bestimmten, insbesondere freudigen Situationen Geräusche von sich und kommunizierte auf seine eigene Weise. Seine Augen verfolgten das Tun der anderen Gruppenmitglieder, bis er sich wieder den taktilen Reizen, seiner Lieblingsbeschäftigung/Stimming, hingab. Dabei berührte er bevorzugt mit Nieten besetzte Gürtel und schnippte seine Finger daran. Meine Vermutung, dass er nicht taub und stumm sei, teilte ich meinen Kollegen mit, die meine Wahrnehmung als „nicht ganz normal“ abtaten. Daraufhin suchte ich nach alternativen Erklärungen für das Verhalten des jungen Mannes und kaufte mir mein erstes Buch zum Thema Autismus. Der unheimliche Fremdling, das autistische Kind von Carl H. Delacato (1985) faszinierte mich warf erste Fragen auf. Inzwischen habe ich es zu meinem beruflichen Schwerpunkt gemacht, Autisten und deren Angehörige zu beraten, Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und Unternehmen zu informieren, die Autisten einstellen möchten. Das alles habe ich nur deshalb so erfolgreich umsetzen können, weil ich mit vielen Autisten geredet, mich mit ihnen und ihren Lebensentwürfen beschäftigt, sie begleitet und ihnen zugehört habe. Gemeinsam wurden gute und auch schwierige Situationen insbesondere in Bezug auf die berufliche Integration durchlebt. Ebenso gemeinsam und vor allem auf Augenhöhe wurden mitunter erfolgreiche Kompensationsstrategien oder hilfreiche Ansätze entwickelt, um auf individuelle und kreative Weise mehr und neue Optionen auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. In meinem Buch möchte ich daher nicht nur die Aspekte und Strategien erläutern, die ich in meiner Funktion als Jobcoach für Autisten als hilfreich erlebe und daher meinen Klienten immer wieder vermittele. Es sollen vor allem die „Experten“ zu Wort kommen und ihre individuellen Ansätze für eine erfolgreiche Teilhabe an der Arbeitswelt vorgestellt werden. Mit Experten meine ich hier natürlich die Autisten selbst. Sie sind es, von denen ich lernen konnte. Und sie sind es, die ihre Erfahrungen weitergeben können, damit auch andere Autisten erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen. Unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ werden in diesem Buch die verschiedenen arbeitsplatzbezogenen (Problem-)Felder aus Beratersicht vorgestellt und erläutert, was es zu beachten gilt, welche Stolpersteine sich ergeben können und wie man sie erfolgreich umgeht. Darauf folgen dann Beschreibungen und Erfahrungsberichte von den Autisten selbst mit Tipps für den Umgang mit schwierigen (Bewerbungs-, Vorstellungs- und Arbeits-)Situationen, mit Beschreibungen, was hilfreich war und wovon eventuell abzuraten ist. Ich sehe es als meine Aufgabe Wissen zu vermitteln und Erfahrungswerte weiterzugeben, denn Beschreibungen von erfolgreich gelösten Problemsituationen können auch bereichernd für andere Personen sein, die eventuell auf ganz ähnliche Schwierigkeiten stoßen. Das Spannungsfeld zwischen Arbeitgeber und autistischem Arbeitnehmer gilt es hier darzustellen. Oft tauchen die ersten Hürden bereits bei dem in Deutschland gängigen Bewerbungsverfahren auf mit standardisierten Bewerbungsformularen, Vorstellungsgesprächen mit hohen kommunikativen Anforderungen, einer kurzen Einarbeitungszeit und dem Anspruch, einen lückenlosen Lebenslauf präsentieren zu können. Der Bewerberauswahl wird oft (zu) wenig Zeit gewidmet. Institutionen wie etwa Specialisterne, auticon oder autWorker sowie individuelle Berater sind nötig, um das erforderliche Wissen an Unternehmen heranzutragen und somit die Chancen für Autisten überhaupt erst zu eröffnen. Mein Angebot richtet sich an alle Autisten. Ich verzichte bewusst auf die allgemeinen Diagnosekriterien wegen der Unschärfen bei der Diagnostik selbst. Vielmehr möchte ich mit meinem Angebot auch jene Menschen ansprechen, die sich dem Autismusspektrum nahe fühlen, aber keine offizielle Diagnose haben: Sie werden dazu angehalten, Ihren Spielraum zu nutzen und auszubauen, Ihre Grenzen zu (er-)kennen und den Mut aufzubringen, eben diese – wenn nötig – zu überschreiten. Es geht hier nicht um „Autisten-Dressur“, sondern vielmehr darum, Ihre Wahlmöglichkeiten und Ihr Wohlbefinden zu vergrößern, indem Sie mehr über das soziale Miteinander lernen. Warum handeln Neurotypische, wie sie handeln? Warum ist Small Talk so wichtig für Neurotypische? Diese und andere Fragen werden erarbeitet mit dem Ziel, Ihre Selbstbefähigung zu fördern. Wenn Sie über ausreichend Wissen und Verständnis verfügen, können Sie selbstbestimmt entscheiden, was Sie anpassen oder akzeptieren möchten, und was nicht. Die Idee zu meinem Buch geht zurück auf die Überlebensstrategien („A survival guide for people with asperger syndrome“) von Marc Segar (Quelle: http://www-users.cs.york.ac.uk/alistair/survival/), hier bezogen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Zusätzlich werden aktuell gültige Theorien aufgegriffen und themenbezogen zur Erklärung herangezogen. Ich vermeide das Wort „Betroffene“ weitestgehend, vielmehr möchte ich den Personenkreis in den Vordergrund rücken und benutze die Beschreibung „Hauptperson“. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind nicht mehr nur die beruflichen Kompetenzen ausschlaggebend für die berufliche Teilhabe, sondern die „social skills“ sind viel wichtiger geworden. Wer sich gut verkaufen kann, hat Erfolg. Netzwerken und Multitasking sind gefordert. Wer das richtige „Vitamin B“ hat, kommt weiter. Ich möchte hier ganz ausdrücklich auf bestehende gesellschaftliche Missstände hinweisen, denn nur deswegen fallen Autisten aus dem Rahmen. Zusätzlich ist das vorherrschende Unterstützungssystem nicht ausreichend auf die Bedürfnisse von Autisten ausgerichtet und mit individuellen Hilfen sehr zurückhaltend. Die Hauptpersonen sind oftmals auf sich alleine gestellt. Mein Buch und meine Beratung soll sie dazu befähigen, sich ihrer Kompetenzen bewusst zu werden und überzeugend für sich einzutreten. Ich mache die Erfahrung, dass Arbeitgebern viele Kompetenzen verborgen bleiben, und sehe es als meine Aufgabe, über die Kompetenzen von Personen im Autismusspektrum aufzuklären, um eine bessere berufliche Teilhabe zu fördern. Gemeinsam können wir Verbesserungen erreichen. Die Akzeptanz, dass Sie Sie sind und sich dessen bewusst sind, wird Sie auf Ihrem Weg durch die Arbeitswelt begleiten und Ihre Schritte erleichtern. Akzeptanz ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen. Dazu möchte ich folgendes Gedicht von Kai zitieren:
Ich kann schaun in Dein Gesicht,
und doch es niemals zu mir spricht,
eine Regung ich mag erkennen,
ihre Bedeutung dennoch nicht benennen,
ich bin blind und kann doch sehen,
kannst Du das verstehen? Meine Augen sehen nicht wie die Deinen,
nichts ist für mich wie es für Dich mag scheinen,
sehe die Welt mit anderen Augen,
kannst Du mir das glauben? Den Klang Deiner Stimme ich kann hören,
doch müssen mich Worte in meiner Welt nicht stören,
vielleicht sehe ich Dich an,
obwohl ich Deine Worte nicht verstehen kann,
ferne Geräusche, nicht mehr sie sind,
ziehen sacht vorbei, wie ein lauer Wind. Ich weiß, dass dies schwer ist zu verstehen,
hoffe dennoch, dass wir nicht getrennte Wege gehen,
vielleicht kannst Du akzeptieren wer ich bin,
dass es zu mir gehört – ganz tief drin. Es – ich habe nie gefunden,
egal wie sehr ich habe mich geschunden,
doch beginne ich zu verstehen,
dass ich damit muss mein Leben gehen,
weiß nun wer dieser Mensch im Spiegel ist,
denn, zu mir lächelnd, er spricht
ich ...
bin ich ...